Die Universitäten von heute als Brutstätte für das Unrecht von morgen

Spiegel Online veröffentlichte am 05.04.2011 einen Artikel über die Notwendigkeit eines Wandels in der aktuellen Wirtschaftpraxis. Es ist inzwischen kein Geheimnis mehr, dass diejenigen, die die Wirtschaftskrise der letzten Jahre zu verantworten haben, in keiner Weise dazu gelernt haben. Die Managergehälter wachsen wieder und es wird gezockt und spekuliert als wäre nichts gewesen. Die Last der Schulden und Verluste dieses Vorgehens tragen jedoch wieder andere Menschen; solche, die mit dem großen Finanzmarkt zumindest persönlich gar nichts zu tun haben. Aber wenn die Einflussreichen selbst nach einem solchen Zusammenbruch wie der Finanzkrise nicht von ihren in vielerlei Hinsicht schädlichen Praktiken absehen, wie kann dann ein Wandel stattfinden? Wie kann der Mensch sich vom Wesen des homo oeconomicus lösen und sein profitorientiertes und egoistisches Denken und Handeln durch ein gemeinwohlorientiertes ersetzen? Der Autor Annick Eimer sieht den Ansatzpunkt hierfür an den Universitäten, an denen die Ökonomen von morgen ausgebildet werden.

Eimer zeigt an einigen Beispielen, wie das Studium der Wirtschaftswissenschaften an deutschen Universitäten aufgebaut ist. Es besteht meist aus Veranstaltungen, welche verschiedene Bereiche der Mathematik, Statistik und der Wirtschaftstheorien vermitteln sollen. Veranstaltungen über Wirtschaftsethik oder fachübergreifende Angebote sind Mangelware. Zudem besteht eine große Einseitigkeit hinsichtlich der gelehrten Wirtschaftstheorien, welche dann auch noch losgelöst von ihrem jeweiligen historischen Entstehungskontext gelehrt werden.

Somit ist eine Änderung im Denken der zukünftigen Ökonomen und damit ein Wandel des ökonomischen Systems kaum denkbar. Jedoch gibt es Ausnahmen: Manche Universitäten und Lehrende scheinen die Notwendigkeit erkannt zu haben, dass ein bloßes „Weiter so“, wie es momentan geschieht, erhebliche Gefahren birgt. Eimer stellt in seinem Artikel einige von ihnen vor. Ein Beispiel, welches hoffen lässt kommt bspw. von dem Professor für Politische Ökonomie und Präsidenten der Privatuniversität Witten/Herdecke Birger P. Priddat. Dieser entwarf 12 Thesen zur Universität der Zukunft. Doch so hoffnungsvoll diese Thesen auch klingen mögen, solche Beispiele scheinen eher die Ausnahme darzustellen.

Denn schaut man sich die gegenwärtige Praxis an deutschen Universitäten an, dürften die Hoffnungen sehr schnell der Ernüchterung weichen: Vor allem im Zuge der Umstrukturierung der Universitäten (Bachelor/Master, Creditpoints etc.) wird ein Denken und Handeln im Sinne des homo oeconomicus inzwischen eher vorangetrieben als reduziert. Durch bewusst und künstlich erzeugten Leistungs- und Konkurrenzdruck sind es nicht mehr nur die Wirtschaftswissenschaftler, deren Blick auf das eigene Vorankommen reduziert wird. Die Modularisierung nahezu aller Studiengänge sorgt zudem für ein engstirniges Lernen und verhindert den Blick über den Tellerrand hinaus. Eigenständiges und kreatives Denken gehören fast schon der Vergangenheit an. Die Universitäten verkommen mehr und mehr zu reinen Ausbildungsfabriken. Für individuelle Entwicklungen ist schon lange kein Platz mehr. Wie sollen Studierende von heute unter solchen Bedingungen zu kritisch und eigenständig denkenden und handelnden Menschen werden?

Es sieht momentan also eher so aus, als ob nicht nur die Ökonomen von morgen ihr Handeln nicht ändern werden. Vielmehr werden auch andere Menschen nicht mehr dazu in der Lage sein, ein solches Unrecht – wie es tagtäglich geschieht – zu erkennen, es zu benennen und etwas dagegen zu tun; im Zweifelsfall werden sie sich sogar daran beteiligen.

hd

 

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