7.5. Proteste gegen den „Marsch für die Freiheit“ – Eine Nachbetrachtung

Am 7.5. hatte die Pro-Bewegung zum Marsch geladen – und weit mehr als die angekündigten 2500 Menschen erschienen. Allerdings handelte es sich nur bei etwa 300 von ihnen um Anhänger der Rechtspopulisten. Rund 3000 Polizisten und 3000 Gegendemonstranten sorgten dafür, dass Köln im Verkehrschaos versank.

Nachdem die Beamten die Deutzer Brücke komplett und die Hohenzollernbrücke für „Linke“ (O-Ton: „Woran machen Sie fest, dass ich links bin?“ – „Er hat da ein durchgestrichenes Hakenkreuz!“) gesperrt hatten, war es nur noch durch kleine Notlügen an Absperrungen („Wir wollen zum Schokoladenmuseum“) und auf Umwegen möglich, die rechte Rheinseite zu erreichen.

Hier fand ein ökumenischer Gottesdienst in einer Kirche nahe der Marschroute der Rechten statt. Von dort aus sollte eine angemeldete Demo über die Hohenzollernbrücke zum Heumarkt ziehen. Die Grüne Jugend machte sich allerdings mit ein paar anderen auf den Weg zum Deutzer Bahnhof, wo die Auftaktkundgebung für den „Freiheitsmarsch“ stattfand.

Getrennt durch einen U-Bahnschacht standen sich hier die Paparazzi von ProKöln und die Gegendemonstranten gegenüber. Eine Blaskapelle spielte mehr schlecht als recht den „Freiheitlichen“ einen Trauermarsch und immer wieder wurden sie (die Rechten) als „Karnevalsverein“ und „Nazischweine“ verhöhnt.

Von der Auftaktkundgebung der Rechten bekam man jenseits der Polizeiabsperrung vor lauter Protest nur wenig mit. Hin und wieder zogen einzelne Fetzen von David Hasselhoffs „I’ve been looking for freedom“ herüber, was die Einschätzung „Karnevalsverein“ nur bestätigte. Das traurige Häuflein ließ sich durch den Spott allerdings nicht die Laune vermiesen und einige Republikaner und ProNRWler versuchten die „rotlackierten Faschisten“ durch das Zeigen von Plakaten und Bannern auf den „rechten“ Weg zu bringen. Es gelang ihnen jedoch nicht.

Da einige der Marschierer noch wegen einer Gleisblockade in Opladen festsaßen verzögerte sich der Marschbeginn etwas. Zeit genug also, die Rheinseite zu wechseln und die Freiheitsfanatiker am Heumarkt zu erwarten.

Dort hatten die Leute vom AZ Köln einen gigantischen Hintern aufgeblasen, der „Po Köln“ und deren „Arsch für die Freiheit“ parodierte. Auch hier fand sich ein bunter Querschnitt durch die Bevölkerung. Als die ersten Marschierer schließlich langsam eintröpfelten (schließlich musste man den Marsch so lang ziehen, dass es auch nach 1.100 Demonstranten aussieht) wurde es laut am Platz. Schilder wurden gezeigt, Megaphone, Trillerpfeifen und anderes Gerät wurde bedient, Sprüche und Parolen wurden geschrien, Schuhe wurden hochgehalten.

Die Rechtspopulisten hielten nun ihre erste (und, wie sich herausstellen sollte, letzte) Zwischenkundgebung. Von dem rechten Treiben kam am anderen Ende des Platzes nicht viel an, allerdings ist Medienberichten zu entnehmen, dass zu diesem Zeitpunkt bereits einige Rechte vor der Sonne und dem Alkohol kapituliert hatten und entweder herumtorkelten oder schon den Heimweg angetreten hatten.

Ein Stück weiter auf der Marschroute befand sich eine Blockade, an der größtenteils autonom anmutende Menschen teilnahmen. Bewacht wurden sie von je zwei Streifen- und zwei Motorradpolizisten. Einige schwarzvermummte Autonome ließen es sich jedoch nicht nehmen, diese friedliche Situation mit Böllerwürfen (die beinahe einen unbeteiligten Radfahrer trafen) zu begleiten. Hier waren nun die Beamten die Vernünftigen – sie ignorierten diesen unnützen Eskalationsversuch gnadenlos. Was aber auch nichts daran änderte, dass die Werfer mit zum Jubel erhobenen Armen rannten wie die Hasen.

Nach kurzer Zeit kam schließlich die Durchsage, dass die Rechtspopulisten ihren vollmündig angekündigten Marsch durch Köln bereits am Heumarkt enden ließen und sich über die Deutzer Brücke wieder auf den Heimweg machten. Die Blockade löste sich auf und es war an der Zeit, nach einem langen Tag den Heimweg anzutreten.

Insgesamt gesehen waren die Gegenproteste erfolgreich – ProNRW und Konsorten konnten keine Außenwirkung entfalten und auch nicht quer durch die Stadt laufen. Auch waren die Proteste bis auf wenige Ausnahmen friedlich, es herrschte ausgelassene Stimmung. Erfreulich war besonders die bunte Mischung aus Parteien, Kirchen, Privatpersonen, Wirten, Gewerkschaften und Vereinen, die dem Spuk seine Grenzen aufzeigten.

Allerdings muss auch gesagt werden, dass doch erschreckend wenige Menschen an den Gegenaktionen teilnahmen. Gründe dies nicht zu tun gab es viele: das Wetter, die großräumigen Sperrungen der Polizei, andere Veranstaltungen etc. Das lässt aber trotzdem die Frage offen, warum für so viele Protest gegen menschenverachtendes Gedankengut eine so niedrige Priorität zu haben scheint.

Heftige Kritik ist an denjenigen zu üben, die den friedlichen Protest mit gewalttätigen Aktionen in ein schlechtes Licht rücken. Glücklicherweise waren solche Vorfälle diesmal nur die extreme Ausnahme, was aber nichts an ihrem Unsinn und ihrer Kontraproduktivität ändert. Hier sind die anderen Demonstranten gefragt, ihren Unmut über Gewaltausbrüche kundzutun und diese zu verhindern. Dies gilt auch für Sprüche wie „Ob Süd – Ob Nord – Nazis töten ist kein Mord!“. Diese Parole ist weitaus menschenverachtender als das – im Vergleich recht harmlose – „Grundgesetz statt Steinzeitislamismus“ von ProNRW.

Des weiteren macht es wenig Sinn, Rechtspopulisten wie ProKöln etc. als Nazis zu bezeichnen. Das sind sie nicht, sie beziehen sich nicht auf das dritte Reich und pflegen weder Führerkult noch antisemitische Ansichten. Um ihnen erfolgreich entgegenzutreten, ist es nötig sie als das zu erkennen, was sie sind: Rassisten und Populisten. Zwar tarnen sie ihren Rassismus als „Kulturkritik“ doch ist hier der Begriff „Kultur“ nur ein anderes Wort für „Rasse“. Sie entwerfen das Bild des Islamisten in Analogie zum „ewigen Juden“. Sie schüren Angst und Hass und nennen sich Bürgerbewegung. Das sind die Punkte, die benannt und kritisiert werden müssen. Der Begriff „Nazi“ kann dies nicht leisten und verfehlt den Kern des Ganzen.

Ein großes Lob muss an dieser Stelle an die Polizeibeamten gehen. Zwar stellte das Wirrwarr aus Absperrungen ein Hindernis für die Bewegungsfreiheit dar, was jedoch nicht die eingesetzten Polizisten zu verantworten hatten. Bis auf eine Ausnahme waren alle Beamten stets freundlich, wenn auch nicht allzu gut informiert. Dies beinhaltet auch die Forderung an die Einsatzleitung: Informieren Sie ihre Beamten endlich anständig über die Bandbreite des zivilen Engagements!

Es darf nicht sein, dass Beamte von Symbolen gegen rechts auf eine linksradikale Gesinnung schließen. Sich gegen geistige Brandstifter zu stellen ist nicht eine politische, sondern eine moralische Angelegenheit. Unterstellungen dieser Art lassen das Vertrauen in die Kompetenz der Polizei mit Sicherheit nicht wachsen und führen noch sicherer nicht zu mehr Respekt vor Beamten.

bd (text) & hd (fotos)

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