Gehirnwäsche an deutschen Schulen

Bisher war vor allem der Bertelsmann-Konzern mitsamt seiner Stiftung dafür bekannt, einen großen und vor allem gefährlichen Einfluss auf das deutsche Bildungssystem auszuüben. Die Initiative LobbyControl verweist nun aber auf eine Studie von Lucca Müller und Reinhold Hedtke, in welcher der Einfluss der Wirtschaftslobby auf deutsche Schulen genau untersucht wurde. Müller und Hedtke kamen dabei zu alarmierenden Ergebnissen.

Viele Unternehmen versuchen demnach, massiven Einfluss auf den schulischen Unterricht zu nehmen. So werden bspw. kostenlose Unterrichtsmaterialien bereitgestellt, welche inhaltlich allerdings ausschließlich eine ganz klare Linie verfolgen. Mit der Bildung einer eigenen Meinung, welche das eigentliche Ziel von Schulbildung sein sollte, hat dies nichts mehr zu tun. Es wird im Gegenteil ganz bewusst ein Weltbild vermittelt, welches sich an den Interessen der Wirtschaftsunternehmen orientiert; und die Lehrkräfte sind aus Unwissenheit und/oder Zeitmangel häufig auch noch dankbar für diese Unterstützung.

Alarmierend ist zudem der Fakt, dass die Unternehmen untereinander, aber auch mit Vertretern der Politik sehr gut vernetzt sind. Vor allem CDU/CSU- und FDP-Politiker setzen sich nach den Untersuchungen von Müller und Hedtke massiv für die Interessen der Wirtschaftslobby ein. Besonders gefährlich sind diese Verbindungen bei dem Versuch, Wirtschaft als Unterrichtsfach an deutschen Schulen zu etablieren.

LobbyControl schreibt dazu: Die Studie zeigt, dass der Einfluss auf die ökonomische Bildung strukturell einseitig ist und von privatwirtschaftlichen Akteuren dominiert wird. Lobbyismus ist eben nicht nur die direkte Einflussnahme auf politische Entscheidungen, sondern auch die breitere Beeinflussung gesellschaftlicher Debatten und Einstellungen, um so langfristig die eigenen Interessen durchzusetzen. […] Schulen dürfen kein Spielfeld einseitiger Interessen sein.“

Es ist erfreulich, dass die Initiative in diesem Kontext ebenfalls angekündigt hat, sich auf dem Feld der (ökonomischen) Bildung verstärkt zu engagieren. So sollen weitere eingehende Recherchen durchgeführt und LehrerInnen, Eltern und betroffene Institutionen aufgeklärt werden. Es bleibt zu hoffen, dass diese Arbeit dazu beiträgt, die Machenschaften der Unternehmen und ihrer Komplizen (aus der Politik) an diesem sensiblen Ort der Gesellschaft offen zu legen und vor allem zu verhindern. Nicht zuletzt kommt es aber auch auf ein grundsätzliches Bewusstsein in der Bevölkerung an. Momentan sieht es jedoch so aus, dass die meisten Menschen es unhinterfragt hinnehmen, dass die Wirtschaft immer mehr Bereiche unseres Lebens und Denkens kontrolliert. Wenn dies jedoch bereits an den Schulen anfängt, kann sich keiner mehr davor schützen.

Die Ergebnisse der Studie von Lucca Müller und Reinhold Hedtke im Überblick (Quelle: iboeb.org):

1. „Hinter der bildungspolitischen Forderung, ökonomische Bildung durch ein eigenes Schulfach Wirtschaft zu Lasten anderer Fächer auszuweiten, steht ein einflussreiches Netzwerk von Wirtschaftsverbänden, privaten Großunternehmen und wirtschaftsliberal-konservativen Einrichtungen und Akteuren.

2. Dieses Netzwerk für mehr ökonomische Bildung an Schulen ist durch Projekte, Personen, Publikationen und Finanzströme mit den Parteien CDU, FDP und CSU, mit ihnen nahe stehenden Einrichtungen sowie mit von ihnen geführten Bildungs- und Wissenschaftsministerien verbunden. Das übrige politische Spektrum bleibt ausgegrenzt.

3. Das Netzwerk steht für eine ökonomische Bildung, auf die Privatunternehmen, Wirtschaftsverbände und wirtschaftsliberal-konservative Organisationen inhaltlich erheblichen Einfluss nehmen. Alle anderen Interessen und Institutionen wie Arbeit-nehmer-, Verbraucher- oder Umweltverbände oder die Sozialwirtschaft bleiben marginal.

4. Die von Wirtschaftsverbänden, Privatunternehmen und wirtschaftsliberal-konservativen Organisationen breit in die Schulen gestreuten Lernmaterialien sind nicht selten wissenschaftlich und politisch tendenziös und fördern oft einseitig unternehmernahe Weltbilder, Akteure und Interessen.

5. Besonders enge Beziehungen bestehen zwischen diesem Netzwerk und der Finanz- und Versicherungsindustrie. Sie wirkt als Organisator, Geldgeber und Produzent von Lernmaterial. Sie vermittelt auch ihr Vertriebspersonal an Schulen, das dort über Versichern und Geldanlegen unterrichten soll.

6. Wirtschaftsverbände und einzelne Konzerne dominieren die Angebote zur Lehrer-fortbildung im Feld der ökonomischen Bildung und gewinnen personellen und inhaltlichen Einfluss auch auf staatliche Fortbildungseinrichtungen.

7. Die ökonomische Allgemeinbildung bildet inzwischen eine kleine Wirtschaftsbranche, die staatlich vielfältig subventioniert wird. Eine Reihe von Personen und Organisationen profitieren ökonomisch von mehr ökonomischer Bildung. Dazu gehören auch Einrichtungen an Universitäten, deren Unabhängigkeit durch interessierte Geldgeber in Gefahr gerät.

8. Insgesamt ergibt sich durch dieses Netzwerk das Bild einer von den Interessen großer Privatunternehmen und Wirtschaftsverbände dominierten ökonomischen Bildung, die wirtschaftsliberal-konservativen Philosophien, Positionen, Personen, Politiken und Interessen einen bevorzugten Platz einräumt.

9. Eine Alternative zu diesem ideologisch, interessenspezifisch und parteipolitisch einseitig strukturierten Netzwerk für mehr ökonomische Bildung existiert bisher nicht. Das Schulfach Wirtschaft wird so zum Fach der Wirtschaft. Bleiben andere wissenschaftliche und politische Positionen und gesellschaftliche Gruppen weiter randständig, wird der Pluralismus aus der ökonomischen Bildung vertrieben. Des-halb muss die Bildungspolitik den öffentlichen Bildungsauftrag der Schulen auch in der ökonomischen Bildung gegenüber einseitigen Einflüssen verteidigen.“

Foto & Text: hd

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