Anonymous und LulzSec – Ein Überblick

In letzter Zeit häufen sich Meldungen über Online-Angriffe, die dem Anonymous-Kollektiv zugeschrieben werden. Oft wird fälschlicherweise eine organisierte Struktur impliziert, wie beispielsweise im Zusammenhang mit der Festnahme zweier „führende[r] Mitglieder der Gruppe ‚Anonymous’“ in Spanien. Auch werden andere Kollektive, wie z.B. LulzSec, in der Berichterstattung mit Anonymous gleichgesetzt. Im Folgenden sollen diese Missverständnisse ausgeräumt sowie Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit/zu anderen Projekten analysiert werden.

Seinen Beginn nahm Anonymous im Imageboard 4chan. In diesem Forum herrscht keine Anmeldepflicht und der Standardbenutzername lautet „anonymous“. Hieraus entwickelte sich der fiktive Charakter Anonymous, kurz Anon.

Zunächst waren die veröffentlichten Inhalte von pubertärem Humor und Geschmacklosigkeiten geprägt. Als allerdings Scientology versuchte juristisch gegen die Veröffentlichung eines YouTube-Videos, das verherrlichende Äußerungen von Tom Cruise über die Sekte zeigt, anzugehen, witterte man Internetzensur. Daraufhin entstand das Project Chanology, das der Church of Scientology den Krieg erklärte. Mittel der Kriegsführung waren Scherzanrufe und Streiche aber auch Demonstrationen sowie DDoS-Attacken (Distributed Denial of Service), bei denen Unmengen an Anfragen an eine Internetseite geschickt werden, mit dem Ziel, den Server zu überlasten und die Seite kurzzeitig abzuschalten.

Bereits bei den ersten von Project Chanology initiierten Demonstrationen waren die mittlerweile berüchtigten Guy-Fawkes-Masken zu sehen. Sie sind der Graphic Novel „V wie Vendetta“ entnommen und dienen der Anonymität sowie dem Schutz vor Racheakten der Church of Scientology. Auch sind sie Sinnbild des Selbstverständnisses von Anonymous: Wirklich jeder kann sich für eine Aktion „Anonymous“ nennen und danach die Maske wieder ablegen. Das Kollektiv ist immer in Bewegung und unter den Mitgliedern herrscht eine große Fluktuation.

Project Chanology scheint den Beginn der Politisierung von Anonymous als kollektive Persönlichkeit zu markieren. Unter dem Motto

“We are Anonymous.
We are Legion.
We do not forgive.
We do not forget.
Expect us!”

folgten weitere Aktionen für Meinungsfreiheit und gegen Zensur. So folgte beispielsweise Operation Payback – eine Reihe von DDoS-Angriffen. Ziel waren zunächst Organisationen wie RIAA und IFPI, die Urheberrechtsverletzungen verfolgen. Später wurde die „Low Orbit Ion Cannon“, so der martialische Name des für die DDoS-Attacken genutzten Programms, auf Mastercard, Paypal, Visa und andere Unternehmen gerichtet, da diese Konten von Wikileaks gesperrt hatten. Als in den Niederlanden ein Teenager im Zusammenhang mit diesen Attacken festgenommen wurde, rückten auch die niederländische Staatsanwaltschaft und Polizei in den Fokus von Anonymous.

Als 2010/11 die Demokratiebewegungen im arabischen Raum und später auch in Spanien ihre Forderungen auf die Straße trugen, wurden sie dabei von Anonymous unterstützt. So ermöglichte das Kollektiv z.B. ägyptischen Demonstranten den Zugang zum Internet, nachdem das Regime sämtliche Internetanschlüsse stillgelegt hatte.

Im Gegensatz zu den an Menschenrechten und Meinungsfreiheit orientierten Aktionen von Anonymous, sind die Operationen von LulzSecurity eher willkürlich. So zählen zu den Opfern von Attacken pornographische Seiten und Internetpräsenzen von Computerspielen. Auch nimmt LulzSec Vorschläge für zukünftige Aktionen entgegen.

Neben diesen willkürlichen Zielen gab es jedoch auch Angriffe mit ernsthaften Motiven. Als Rache für die juristischen Schritte gegen George Hotz, der die Playstation 3 gehackt hatte, drangen Mitglieder von LulzSec in die Datenbank von Sony Pictures ein und hatten Zugriff auf die Daten von einer Million Kunden. Auch deckte die Gruppe einige Sicherheitslücken, wie beispielsweise des British National Health Service oder der IT Security Firma FinFisher, auf.

Nach eigener Aussage geht es der Gruppe jedoch nicht um ein höheres Ziel oder um Moral, sondern um die Lacher – die Lulz. Dies steht auch im Einklang mit der Tatsache, dass die Hotline (!) von LulzSec immer wieder auf verschiedene andere Telefonnummern umgeleitet wird. So wurden bereits die Hotlines von World of Warcraft, magnets.com und dem FBI von bis zu 20 Anrufen pro Sekunde überrollt.

Trotz ihrer unterschiedlichen Ausrichtung haben Anonymous und LulzSec einiges gemeinsam. Beide vertreten, wenn auch nicht immer explizit, eine sehr liberale Vorstellung vom Internet. Das Internet ist als ultimativ demokratisches Kommunikationsmedium schützenswert. Um es zu schützen, ist allerdings ein kritischer Umgang mit den Freiheiten, die es bietet, notwendig. Das Aufdecken von Sicherheitslücken aber auch von fragwürdigen Aktionen einiger Firmen durch Anonymous & Co. gibt den Anlass, die lange überfällige Diskussion über media literacy endlich zu beginnen.

Die Tendenz, das Internet in einem ur-demokratischen Licht zu sehen, tritt auch in anderen Kontexten ans Tageslicht. Twitter war das Kommunikationsmittel der arabischen/spanischen Revolutionen, WikiLeaks setzte da an, wo herkömmliche Medien an ihre Grenzen stoßen, Liveticker koordinierten Massenblockaden des rechten Aufmarsches in Dresden. Überall wird das Internet zum verbindenden Moment von Protesten und Demokratisierungsdiskursen.

Die Reaktionen von Presse und Politik sind von Unverständnis geprägt. So wird, wie bereits erwähnt, von der „Organisation“ Anonymous und von „Führungsebenen“ gesprochen. Ein loses Kollektiv ohne feste Mitglieder, ohne „Parteiprogramm“, ohne Hierarchie – für Viele nicht vorstellbar und doch eine bedeutende Instanz in Sachen Meinungsfreiheit.

bd

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