Gefährliche Panikmache in deutschen Medien

Am 22.8.11 veröffentlichte die Wochenzeitung DIE ZEIT auf ihrer Internetseite ein Interview mit dem Statistiker Walter Krämer. Dieser analysiert seit längerem die Berichterstattung deutscher und internationaler Medien und kommt zu dem Schluss, dass vor allem in Deutschland häufig Panik und Angst geschürt wird. Dies hinge wahrscheinlich mit dem sog. kollektiven Unterbewusstsein der Deutschen zusammen; sie seien ängstlicher als Angehörige anderer Nationalitäten. Der Grund dafür liege vor allem in der Geschichte des Landes (vom 30-jährigen Krieg bis zum zweiten Weltkrieg). Ungeachtet der Gründe ist es heute eine nachgewiesene Tatsache, dass die deutschen Medien häufig unreflektiert, nicht objektiv und überspitzt berichten. Eine nicht zu unterschätzende Gefahr, selbst wenn sie begründbar zu sein scheint! 

Krämer kritisiert hierbei, dass sich die deutschen Journalisten als Weltverbesserer und Besserwisser im positiven Sinne verstehen. Objektive Berichterstattung – wie bspw. bei der BBC oder der CNN – fände somit jedoch nur noch selten statt. Am Beispiel Fukushima zeigt er auf, wie sich die Berichte sukzessive auf die Gefahr des Atomkraftwerks reduzierten. Dies war mit Sicherheit ein wichtiges Thema, jedoch wurde das große Leid der Menschen, welches durch das Erdbeben und den Tsunami verursacht wurde immer weiter aus dem Fokus herausmanövriert. Zudem schienen sich viele Journalisten fast mit Freude auf neue Unglücksmeldungen aus dem Kraftwerk zu stürzen.

Genauso verhält es sich mit anderen Ereignissen. Krämer postuliert, dass vor allem uneinschätzbare bzw. unbekannte Gefahren mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen, selbst wenn sie deutlich geringer sind. In jedem Jahr sterben bspw. doppelt so viele Menschen an einer Herz-Kreislauf-Krankheit wie an Krebs. Die Ursachen hierfür sind aber bekannt, liegen häufig in der eigenen Verantwortung der Menschen und die Funktion des Herzens ist erforscht. Die Ursachen für Krebs hingegen sind häufig nicht einschätzbar und auch die Entsehung vieler Tumore ist noch nicht geklärt. Dies führe dazu, dass die Menschen besonders empfänglich für neue Schreckensnachrichten über krebserzeugende Faktoren sind.

Auch der Dioxin-Skandal wurde in einer unverantwortlichen Weise vorangetrieben. Laut Krämer wären drei Tonnen Eier nötig gewesen, um eine ernsthafte Schädigung hervorzurufen. Dies ist ein Beispiel für eine weitere Ursache für die schnelle Entstehung von Panikwellen. Die Grenzwerte für Schadstoffe sind sehr niedrig angesetzt. Wird ein solcher Wert überschritten, besteht also noch lange keine Gefahr. Die Medien machen dies in den meisten Fällen jedoch zu einer; zumindest in den Köpfen der Verbraucher.

Genaue Werte und eine reflektierte Analyse derselben sind selten Gegenstand der Berichterstattung. Krämer weist darauf hin, dass eine Zunahme der Erkrankungen um 100% auch bedeuten kann, dass statt einer Person von 1 Million pro Jahr nun zwei Personen an einem Keim o.ä. erkrankt sind. Dass gleichzeitig bspw. jedes Jahr 50.000 Menschen an Infektionen sterben, welche sie sich in deutschen Krankenhäusern zugezogen haben, interessiert keinen mehr.

Solche Details werden häufig bewusst ausgespart und somit absichtlich auf eine objektive Berichterstattung verzichtet. Ob dies nun an den Journalisten selbst liegt oder an den Lesern, welche sich auch gerne Panik machen lassen. Fest steht, dass hierin eine große Gefahr liegt.

Vor allem durch die sog. neuen Medien verbreiten sich Nachrichten heute in einer unglaublichen Geschwindigkeit, erreichen also auch ein sehr große Zahl von Menschen. Nicht nur das regelmäßige Schüren von Angst ist dabei gefährlich. Auch werden durch diese Art der Berichte falsche Akzente in den öffentlichen Diskursen gesetzt. Nicht nur, dass bspw. Bauern unnötigerweise auf ihren Eiern sitzen bleiben. Kein Krankenhaus wird in absehbarer Zeit aufgrund öffentlichen Drucks dazu gezwungen sein, seine Hygienebedingungen zu verbessern.

Wenn es die Journalisten nicht schaffen, daran etwas zu ändern, müssen die Verbraucher dies tun: Durch eine aufgeklärtes Medienverständnis und ein reflektierteres Konsumverhalten!

hd

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