Lina Ben Mheni: Vernetzt Euch!

Verlag: ullstein
Jahr/Auflage: 2011/1. Auflage
Preis: 3,99€ 

„Tunisian Girl, Blogueuse pur un Printemps Arabe“ heißt diese Streitschrift der Bloggerin „Tunesian Girl“ im Original. Es ist eine beeindruckende Schilderung der tunesischen Revolution und der Rolle, die Lina Ben Mheni als Internetaktivistin darin spielte. In ihren Erfahrungen wird deutlich, welche Macht das Internet inzwischen auf die Ereignisse in einem Staat ausüben kann. Es müssen sich nur genug Mutige finden, die dieses Instrument nutzen. „Ich bin Bloggerin und werde es bleiben“ lautet somit auch der erste und überzeugende Satz der Schrift. „Engagiert Euch und vernetzt Euch!“, so könnte man die Aussage dieser Schrift zusammenfassen. Ein Aufruf, der auch uns in Deutschland betrifft. 

Wäre die Internetgemeinde in Tunesien vor drei Jahren schon so gut vernetzt gewesen, vermutet Ben Mheni, hätte die Revolution schon zu dieser Zeit stattfinden können; einen ähnlichen Anlass hätte es gegeben. Nur durch die schnelle und große Verbreitung der Informationen und Aufrufe, welche durch das Regime nicht mehr zu kontrollieren und einzudämmen gewesen sei, sei die Revolution in diesem Jahr geglückt.

Und damit scheint sie recht zu haben. Ob in Iran 2009, derzeit in Syrien oder im Frühjahr dieses Jahres in Tunesien und Ägypten. Videos, Fotos und Berichte im Internet setzen Regierungen unter Druck. Sie können nicht vollends kontrolliert werden und erreichen somit nicht nur (potentielle) Demonstranten im eigenen Land, sondern Menschen auf der ganzen Welt. Wenn auch nicht mit vergleichbarer Kraft und Ergebnissen, profitierte auch die spanische Protestbewegung von dieser Art der Vernetzung.

Blogs, Facebook, Twitter etc. stellen heute eine neue und mächtige Möglichkeit der Partizipation dar. Sie bieten Informationen, welche unabhängig von Regierungen und Konzernmedien verfügbar sind.

Das Internet bietet allerdings auch viele Gefahren (z.B. der Umgang mit persönlichen Daten bei Facebook) und in bestimmten Ländern, wie es auch in Tunesien und Ägypten der Fall war und ist, kommt man auch gegenüber der Regierung nicht immer ungesehen davon. Diese Gefahren verschweigt Lina Ben Mheni nicht. Doch ein bewusster und vorsichtiger Umgang mit den Funktionen des Internets und nicht zuletzt der Mut dazu, das Richtige zu tun, sollte einem helfen, dieses Wagnis auf sich zu nehmen. Viele Beispiele zeigen, dass sich der Preis bzw. das Wagnis lohnt.

Die Situation in Deutschland ist mit Sicherheit nicht mit der politischen Lage in Tunesien oder Ägypten zu vergleichen. Auf der einen Seite sind die Risiken des Engagements geringer, andererseits geht es uns (politisch gesehen) deutlich besser. Doch auch wir können viel aus dieser Streitschrift lernen. Wir von res.publica merken jeden Tag, wie die Regierungen dieser Welt (auch die deutsche) und vor allem die Konzernmedien die öffentlichen Diskurse steuern. Wir versuchen deshalb mit diesem Blog einen Teil des Gegengewichts dazu darzustellen. Die Anzahl politischer Blogs und Facebook-Seiten in Deutschland ist jedoch immer noch überschaubar. Auch die Ereignisse in Berlin der letzten Tage zeigten, dass die deutsche Internetgemeinde hinsichtlich der politischen Aktivitäten alles andere als gut ausgestattet und vernetzt ist. Man kann viel über Musik, Videospiele oder die alltäglichen Tätigkeiten einzelner User lesen, das politische Geschehen und Engagement stellt hingegen momentan leider nur eine Randdisziplin dar.

Dabei wäre es auch hierzulande wichtig und nötig, endlich eine breite Kultur des alternativen und freien Informationsaustauschs zu schaffen. Tagtäglich nehmen viele Menschen gar keine oder lediglich von fremden Instanzen ausgewählte Informationen auf. Ein Reflexion dieser Auswahl oder gar ein entsprechendes Engagement findet meist nicht statt.

Die freie Internetgemeinde bietet die Chance, diesen Kreis aufzubrechen und vor allem, selbstbestimmt aktiv zu werden. Wir wiesen bereits mehrfach auf diese Umstände hin und boten und bieten die Möglichkeit, sich über unseren Blog in Form von Gastbeiträgen und Kommentaren aktiv an öffentlichen Diskursen zu beteiligen.

Die Passivität und Inaktivität der meisten Menschen wird ausgenutzt und schadet am Ende allen. Dabei ist es nicht schwer, diesen Missstand zu beheben. Der Blog „the babyshambler“ veröffentlichte vor kurzem eine Liste mit den in Deutschland bisher etablierten politischen Blogs und alternativen Nachrichtenseiten. Die Initiative Nachrichtenaufklärung hat es sich mit ihrer Internetplattform „Der blinde Fleck“ zur Aufgabe gemacht, über absichtlich an den Rand der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückte Ereignisse zu berichten. Es gibt bereits zahlreiche Beispiele für demokratisches und unabhängiges Engagement in Deutschland. Es fehlt lediglich das Interesse vieler Menschen, diese Angebote zu nutzen, sich an ihnen zu beteiligen und schlussendlich für die eigenen Interessen (auch auf der Straße) gemeinsam einzutreten.

Vielleicht trägt die Streitschrift bzw. der Appell Ben Mhenis dazu bei. Es wäre zu hoffen, denn es war noch nie so einfach, aktiv zu werden und für seine Rechte einzutreten. Diese Möglichkeit sollte angesichts der zahlreichen Missstände in unserer gesellschaftlichen, politischen und medialen Umwelt nicht ungenutzt bleiben.

P.S. Schon im 18. Jahrhundert schrieb Immanuel Kant:

AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. […]

hd

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