Kranke Gesellschaft, simple Lösungen

Sueddeutsche.de berichtete gestern von einer Studie, laut welcher rund 38 Prozent der Europäer an psychischen Erkrankungen leiden. Das Fazit: Mehr Aufklärung und bessere Behandlung sind nötig. Sieht man einmal davon ab, dass die Ergebnisse einer Studie niemals aussagekräftiger als die (in dem Artikel nicht genannten) Kriterien, so bleibt noch immer die perfide Mischung aus Panikmache und „Keine-Panik-wir-haben-alles-im-Griff“-Rhetorik.

Um die enorme Erkrankungsquote – immerhin deutlich mehr als ein Drittel aller Europäer – überprüfen zu können, müsste man einen Blick auf die angelegten Maßstäbe werfen. Erst dann wüsste man erstens, welche Erkrankungen überhaupt in das Ergebnis einflossen und welche nicht. Zweitens könnte man die Schwelle beurteilen, die den Unterschied zwischen krank und nur auffällig markiert. Ohne diese Informationen ist eine Meldung über diese Studie wertlos.

Information scheint aber nicht Ziel des Artikels zu sein. Zunächst einmal macht eine solch hohe Zahl an Erkrankten Angst. Aber das auch nur, um gleich danach die Lösung – in Form einer Art sich selbst erfüllender Prophezeiung – anzubieten: mehr Aufklärung (ist mit dem unkritischen Vorstellen der Studie gegeben), bessere Behandlung von psychischen Krankheiten (die Studie erschien in der Zeitschrift „European Neuropsychopharmacology“ – ein Schelm wer Böses dabei denkt) und mehr Anerkennung in der Bevölkerung (bloß nicht über Ursachen nachdenken, einfach den status quo akzeptieren).

Also fassen wir zusammen: in einer Zeitschrift, die sich u.a. mit Psychopharmaka beschäftigt erscheint eine Studie, die den Teufel einer kranken Gesellschaft an die Wand malt ohne zu erklären wer als krank gilt, nur um dann mehr Akzeptanz und eine bessere Behandlung (doch wohl nicht mit Medikamenten?) zu fordern.

Die eigentliche Frage, die es zu stellen gilt, lautet: wie kommt es, dass das Zusammenleben in Europa 38 Prozent der Menschen krank macht? Alles andere ist zynisch und reine Symptomkosmetik. Eine Gesellschaft (ein von Menschenhand geschaffenes Konstrukt, das das Leben vereinfachen soll), die mehr als ein Drittel ihrer Mitglieder auf der Strecke lässt, macht etwas elementares falsch. Der deutliche Beweis sind die drei Spitzenreiter unter den Erkrankungen: Angststörungen, Schlafstörungen und Depressionen. All diese Erkrankungen sind im wahrsten Wortsinn Zivilisationskrankheiten. Das ist die eigentliche Nachricht, die allerdings hinter der einfachen Lösung besserer Behandlung versteckt wird.

Die Kritik ist weniger auf die eigentliche Studie gerichtet. Wenn sich das Institut für klinische Psychologie und Psychotherapie mit einem solchen Thema befasst und dabei als Lösung bessere Behandlung fordert, so liegt das in der Natur der Sache. Wenn allerdings ein seriöses Medium die Studie unreflektiert wiedergibt anstatt sie einzuordnen und zu hinterfragen, ist das ein deutliches Zeichen für schlechten Journalismus.

bd

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter gesellschaft., medien. abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s