Naziaufmarsch am 3.9.2011 in Dortmund – Die linke Sicht der Dinge

In der Folge des Naziaufmarschs am 3.9.2011 in Dortmund erreichte uns das Angebot, einen Bericht aus autonomer Sicht erhalten zu können. Da wir eine facettenreichen Darstellung für wichtig erachten, waren wir sehr interessiert. Aufgrund einiger Kollisionen mit unserem Selbstverständnis und anderer Bedenken moralischer Natur verzichten wir jedoch auf eine unkommentierte Veröffentlichung. Daher dient der erhaltene Bericht lediglich als Grundlage dieses Artikels.

Die auch von uns gemachten Erfahrungen polizeilicher Provokation werden in diesem Bericht bestätigt. Es finden sich mehrere Ausführungen, in denen Polizeibeamte unprofessionell und alles andere als deeskalierend agiert hätten. So suchte wohl ein Polizist offen die Konfrontation nachdem er, zugegebenermaßen provokativ, auf seine schwere und dicke Ausrüstung in Zusammenhang mit den warmen Temperaturen angesprochen worden sei. Auch die Hundeführer der Polizei hätten, so die Beschreibung, auf den Vorwurf der Tierquälerei recht aggressiv reagiert.

Man mag von linksradikalen Aktivisten halten, was man will, ihre politische Ausrichtung stellt jedoch keinen Freibrief für Aggressionen dar. Ebenso sind Provokationen seitens der Demonstranten unnötig, allerdings bestand der offizielle Auftrag der eingesetzten Beamten darin, den Tag so friedlich als möglich hinter sich zu bringen. Eine Aufgabe, die zu lösen definitiv nicht darin besteht Demonstranten zu beschimpfen und zu bedrohen (der Bericht enthält Äußerungen seitens der Beamten wie „Halt die Klappe!“ oder „Komm doch her, wenn du Stress willst“).

Weitere Verfehlungen der Polizei finden sich in den Beschreibungen des Umgangs dieser mit gekesselten und in Gewahrsam genommenen Personen. So sei den Gekesselten trotz hochsommerlicher Temperaturen kein Wasser zur Verfügung gestellt und auch Toilettenbesuche bei Anwohnern verboten worden. Stattdessen hätten Anwohner sich um die Versorgung mit Getränken gekümmert. Von der Polizei sei die Anweisung erteilt worden, die Notdurft hinter einem Bulli zu verrichten. Allerdings sei diese Stelle von vielen Beamten, Demonstranten und Anwohnern einsehbar gewesen.

Laut dem Bericht wurden in der Gefangenensammelstelle die minderjährigen Gefangenen in überfüllten Zellen, die volljährigen in Käfigen untergebracht worden. Bereits im Zusammenhang mit dem G8-Gipfel in Heiligendamm wurde gerichtlich festgestellt, dass eine solche Unterbringung rechtswidrig ist. Auch für Gefangene gilt die Unantastbarkeit der Menschenwürde.

In dem Bericht finden sich allerdings auch Schilderungen, die ein äußerst bedenkliches Licht auf die autonomen Aktivisten werfen. So ist davon die Rede, im Kessel seien Brillen, Masken, Stöcke und Pfefferspray unter parkende Autos geworfen worden. Die Intention dahinter ist klar: man wollte das belastende Material loswerden. Viel interessanter ist jedoch die Intention dahinter, solche Gegenstände zu einer Demonstration mitzunehmen. Dass es sich bei Stöcken und Pfefferspray nicht um adäquate Mittel der friedlichen Meinungsäußerung handelt, sollte jedem klar sein. Es ist davon auszugehen, dass gezielt die Konfrontation gesucht wurde; ob mit den Rechtsextremisten oder der Polizei ist dabei zweitrangig. Wie bereits in einem anderen Artikel ausführlich erläutert, kann Gewalt auf Demonstrationen niemals konstruktive Effekte haben.

Auch erzählt der Bericht von gezielten Provokationen durch die Polizei, die einen Angriff auf den absichtlich (sic!) eine Straße weiter abgestellten Streifenwagen auslösen sollte. Zunächst sei gesagt, dass die Anzahl an Einflussfaktoren eine solch genaue Planung unmöglich machen. Zudem ist es nur schwer vorstellbar, dass die Polizei einen Beamten opfert, nur um einen Vorwand für ein hartes Durchgreifen zu haben.

Es wäre jedoch zu einfach, diesen Erklärungsversuch für die Eskalation als hanebüchene Phantastereien abzutun. Es könnte sich dabei ebenso gut um einen Versuch handeln, eine auch für den Schreiber unbegreifliche Situation einigermaßen plausibel zu machen. Wer einmal einen solchen Gewaltausbruch erlebt hat, weiß, dass die Stimmung plötzlich und scheinbar grundlos kippen kann. Oft gibt es keinen eindeutig identifizierbaren Auslöser. Um dann das durchaus emotional bedrückende Erlebnis selbst erklären zu können, wird oft nach jedem noch so dünnen Strohhalm gegriffen.

Das soll nicht die Irrationalität dieser Argumentation rechtfertigen, sondern einen etwas reflektierteren Blick auf die scheinbare Verschwörungstheorie anregen. In der gleichen Weise soll der gesamte Artikel nicht die Gewaltausbrüche an diesem Tag relativieren oder rechtfertigen, sondern eine weitere Perspektive zu unseren Erlebnissen und der medialen Berichterstattung hinzufügen.

bd

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