Was kostet eine Seele?

Wie der geneigte Leser schon bemerkt haben dürfte, haben wir bereits seit längerer Zeit eine Facebook-Seite. Sie wurde bisher von einer uns bekannten Person betreut. Da es jedoch recht mühsam ist, Blog und Seite getrennt voneinander zu betreiben, haben wir uns schweren Herzens entschlossen, uns einen Facebook-Account zuzulegen. Dabei konnten wir endlich hautnah erleben wie ein Seelenverkauf vonstatten geht; was ist die Seele, was bekommt man für sie und vor allem: warum verkaufen viele sie, ohne mit der Wimper zu zucken?

Der Entschluss, entgegen unserer Überzeugung, bei Facebook aktiv zu werden, fiel uns nicht leicht. Es sprach viel dagegen. Zuckerbergs Konzern ist irgendwie nicht vertrauenswürdig, sammelt Daten wie sonst nur Google und erstellt Profile auch von Nicht-Nutzern. Unser Misstrauen bestand jedoch nur aus theoretischem Wissen, schließlich waren wir nie Mitglied der Community.

Das sollte sich ändern. Die Verlockungen und Vorteile waren einfach zu groß. Immerhin hatten wir uns Vernetzung in großen Lettern auf die Fahne geschrieben. Damit das ultimative Netzwerk nicht zu nutzen wäre schlichtweg fahrlässig. Das Angebot für unsere Seele war schlicht zu hoch um es abzulehnen.

Alle großen politischen Bewegungen der jüngsten Zeit bauen auf Facebook, Twitter & Co. Warum sollten wir nicht auch Teil davon werden? Unseren Blog bekannter machen, Leute kennenlernen, Netzwerke knüpfen, Mitstreiter gewinnen? Also machten wir uns daran einen Account anzulegen.

Dabei stellten wir fest, dass es doch schon ganz schön schwer fällt, sich von seiner Seele zu trennen. Wäre sie danach einfach weg – damit könnte man leben. Doch sie bleibt irgendwie doch mit einem verbunden über die Internetverbindung. Sie beginnt jedoch langsam ein Eigenleben zu führen. Findet Freunde, die der Körper nie gesehen hat, „mag“ auf einmal Bücher, Filme und Musik, die der Körper langweilig findet, die aber im Profil gebildet wirken. Doch dieses Eigenleben der Seele kann man noch ansatzweise kontrollieren. Das Eigenleben, das sie jedoch jenseits des Bildschirms in den Untiefen der Facebook-Server führt, ist nicht einmal sichtbar, geschweige denn kontrollierbar. Alles wird gespeichert, egal ob es „gelöscht“ (ein Euphemismus für „mit dem Label ’nicht sichtbar‘ versehen“) wurde oder nicht. Inwiefern diese Daten dann noch weiter verknüpft und verwendet werden und wer sie zu sehen bekommt – das wohl am besten gehütete Geheimnis der Welt.

Dazu kommt noch die perfide Strategie Facebooks, sich unverzichtbar zu machen, indem es u.a. als Adressbuch fungiert, nur um dann willkürliche Regeln aufzustellen, die hart durchgesetzt werden. So herrscht beispielsweise die, durch bessere Auffindbarkeit nicht allein zu rechtfertigende, Klarnamenpflicht. Bei Zuwiderhandlung: kommentarlose Sperrung des Accounts. Diese Strategie erzieht die User zu bedingungslosem Gehorsam, schließlich will man ja nicht aus der Gemeinschaft verstoßen werden. Immerhin findet ein großer Teil des sozialen Lebens dort statt.

Sollte einem aus einem triftigen Grund oder einfach nur willkürlich der Account gesperrt worden sein, hilft nur noch die Verifizierung des Accounts. Dazu muss man seine Handynummer angeben, um dann einen Code zugeschickt zu bekommen. Mit anderen Worten: hat man nicht genug echte Daten angegeben, hilft nur noch, überprüfbare echte Daten anzugeben.

In den Einstellungen zur Privatsphäre kann man auswählen, wie mit den Daten umgegangen werden soll. Das ist jedoch leichter gesagt, als getan. Klare Aussagen, was die Einstellungen bewirken sucht man vergebens. Stattdessen wird in verschwurbelter Sprache, ähnlich dem Juristendeutsch, etwas geäußert, was man nur nach zig-maligem Lesen ansatzweise nachvollziehen kann – ohne Garantie auf Richtigkeit. Ein Beispiel:

Profil Überprüfung: Für Beiträge, in denen dich deine Freunde markieren, bevor sie in deinem Profil erscheinen (Hinweis: Markierungen können auch weiterhin anderenorts auf Facebook angezeigt werden) An/Aus

Was will uns dieser Hinweis sagen? Ein einfaches

Möchtest du Markierungen durch Freunde bestätigen, bevor sie in deinem Profil erscheinen (das gilt ausschließlich für dein Profil, nicht für andere Bereiche von Facebook)? Ja/Nein

hätte es auch getan.

Auch sind die Einstellungen recht unübersichtlich verteilt. Mal öffnet sich ein Pop-Up, mal geht es direkt auf die nächste Seite, mal reicht ein drop-down Menü. Eine spezifische Einstellung wiederzufinden kann schon mal eine gute Viertelstunde in Anspruch nehmen.

Doch warum lassen sich vermeintlich aufgeklärte Menschen auf so etwas ein? Genau an der Aufklärung liegt es. Die Freiheiten, die eine aufgeklärte, vernetzte Welt mit sich bringt, gehen mit einer kaum zu ertragenden Verantwortung einher. Alle Entscheidungen müssen selbst getroffen und ihre Konsequenzen bedacht werden. Facebook bietet hier ein vorgefertigtes Muster, eine Eingabemaske für die Persönlichkeit. Jedes Individuum wird auf genormte Kategorien heruntergebrochen. So sind beispielsweise Theaterstücke nicht als Interesse vorgesehen. Kategorien sind nichts schlechtes, wenn sie aber international und kulturübergreifend erstellt werden und dabei auch noch normierend wirken, fällt dabei einiges unter den Tisch.

Zusätzlich entwickelt sich bei Facebook eine eigene Kultur. Eigene Begriffe werden geprägt, Verhaltensregeln aufgestellt, Rituale entwickelt. Diese Kultur steht jedoch der übrigen Onlinekultur entgegen, indem sie sich Werten wie Anonymität, Demokratie, freier Persönlichkeitsentfaltung und Datenschutz entzieht. Dies jedoch entweder unbemerkt oder so abstrakt, dass es nicht nachvollziehbar ist.

Diese Werte und Normen, die man bei Facebook findet, sowie die Möglichkeit Verantwortung abgeben zu können erleichtern das Leben. Keine Entscheidungen treffen zu müssen kostet zwar die Freiheit und die Seele, aber dafür kann man auf „Gefällt mir“ klicken. Wenn das mal nichts ist.

bd

 

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