Buchtip: Manifest der Vielen

Die Debatte um Muslime in Deutschland hat in letzter Zeit einen enormen Auftrieb erfahren. Dies bedeutet allerdings nicht, dass sie deshalb intensiver, konstruktiver oder gar hilfreicher geführt wurde und wird. Besonders Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ und die künstlich und absichtlich herbeigeführte und aufgeblasene Diskussion um dieses Buch haben eher Ängste geschürt und Vorurteile und Stigmatisierungen manifestiert. Im Frühjahr dieses Jahres ist nun ein Buch erschienen, welches einen ganz anderen – und die Debatte sehr bereichernden – Blickwinkel einnimmt: Manifest der Vielen – Deutschland erfindet sich neu.  

Insgesamt 29 Autorinnen und Autoren aus den Bereichen Kultur, Gesellschaft und Medien haben jeweils einen Beitrag zu diesem, von Hilal Sezgin herausgegebenen, Buch geleistet. So entstand ein vielseitiges Werk: Eher wissenschaftlich konzipierte Artikel treffen auf lyrische und essayistische Beiträge, auf biographisch gefärbte Berichte etc. – Das Buch hält, was der Titel verspricht.

Der Tenor des gesamten Buches ist hingegen eindeutig: Die meisten Autoren haben einen muslimischen Hintergrund, sie leben jedoch zum größten Teil schon sehr lange in Deutschland und begreifen sich auch als Deutsche. Sie wehren sich mit Recht dagegen, zunehmend diffamiert und stigmatisiert zu werden. Es ist in Deutschland Mode geworden, die eigene Identität vor allem durch Abgrenzung gegenüber dem vermeintlich Fremden zu definieren. Abgrenzung bedeutet hier aber nicht lediglich das Ziehen von Grenzen, sondern insbesondere das Diffamieren des Anderen, in diesem Fall des Islams. Vereinzelte Negativ-Beispiele werden generalisiert bzw. zu allgemeingültigen Eigen-schaften erklärt. Einzelne Menschen werden hier schon lange nicht mehr gesehen; es gibt nur noch die Muslime.

Die Autoren des Buches setzen sich hiermit nicht nur in vielfältiger, sondern auch in besonders differenzierter Art und Weise auseinander. Selbst Menschen, die die bisherige Debatte kritisch und reflektiert beobachtet haben, können bei der Lektüre dieses Sammelwerks noch einiges lernen und ihren Blick auf die inzwischen omnipräsente Diskussion erweitern. Eine Pflichtlektüre für alle, die sich ihr Denken, ihre Meinung und nicht zuletzt auch ihre emotionale Einstellung nicht von Sarrazin, RTL und Bild diktieren lassen wollen.

Denn es handelt sich bei diesem Buch um einen wertvollen und seit langem überfälligen Beitrag zu einem eigentlich überholten Diskurs. Wichtig deshalb, weil es durch seine Authentizität und Konstruktivität dazu beitragen könnte, die Augenwischerei und Panikmache endlich zu beenden. Da das öffentliche Interesse und somit auch die Medien aber eher Menschen wie Sarrazin zu begünstigen scheinen, bleibt zu befürchten, dass auch diese Chance – wie schon so viele andere – wieder vertan wird. Umso wichtiger scheint es jedoch, z.B. dieses Buch zu lesen, weiter zu empfehlen und gegen den gefährlichen Mainstream anzukämpfen!

Erschienen im Blumenbar-Verlag (2/2011), 12,90€

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