Wie funktioniert Boulevardjournalismus – Eine Analyse

Boulevard ist eine Form des Journalismus, die sich vom Verkauf ihrer Erzeugnisse auf der Straße – dem Boulevard – ableitet. Besondere Merkmale sind Emotionalität, Verkürzung und Verzerrung. Hört man von Boulevardjournalismus, so kommen einem „Zeitungen“ wie Bild und Express aber auch Fernsehmagazine wie SternTV und Akte in den Sinn. Dass aber auch sogenannte Qualitätsmedien Boulevard können, beweist ein Artikel zu den Ausschreitungen von Dynamo Dresden Fans bei sueddeutsche.de.

Zunächst wird die altbekannte Gut-Böse Aufteilung eröffnet, indem zunächst die „humorvollen und meist intelligenten Verbalattacken“ bei Spielen zwischen Schalke und Dortmund in Erinnerung gerufen werden. Die verwendeten Adjektive, sowie die Rezeptionsgewohnheiten des Lesers bieten also nun Stoff genug, um die Kategorie „Gut“ zu füllen.

In einem nächsten Schritt werden die „Guten“ in direkten Gegensatz zu den noch einzuführenden „Bösen“ gestellt: „Selbst altgediente BVB-Fans aus dem Lager der sogenannten „Ultras“ bezeichnen jedes Ruhrpott-Derby gegen Schalke deshalb als einen Kindergeburtstag im Vergleich zu dem, was am Dienstag die Fans von Dynamo Dresden gezielt inszenierten.“

Sogar die wilden aber dennoch „guten“ BVB-Fans finden die Dynamo-Fans „böse“. Jetzt, da wir die Fronten geklärt haben, müssen wir nur noch wissen, warum eigentlich die Dresdener „böse“ sind.

Ein beliebtes Mittel ist für diesen Zweck Gewalt. Da das allein aber nicht reicht (schließlich könnte das Opfer ja auch ein Hooligan sein), wird Gewalt gegen Unbeteiligte beschrieben. Soweit so gut. Da dies jedoch noch immer nicht genug Emotionen hochkochen lässt, kommt nun die in der Hierarchie der bedauernswerten Opfer nächststehende Menschengruppe: Frauen. Immer noch nicht genug? Mütter und Kinder! Bedauernswerter als Mütter und Kinder sind in unseren Breiten nur noch süße kleine Hundewelpen. Dankenswerterweise waren dem Autor aber Mütter und Kinder bereits bedauernswert genug.

Jetzt haben wir bereits die Kategorien „Gut“, „Böse“ und „Opfer“ gefüllt. Allerdings ist die Beschreibung „Dynamo-Fan“ noch nicht konkret genug. Wie also habe ich mir den „bösen“ Dresdener vorzustellen? Die Antwort folgt auf dem Fuße: es handelte sich um „100-Kilo-Hünen“. Aufzuhalten waren die auch nicht, da sie jeden, der sich ihnen in den Weg gestellt hätte „krankenhausreif geschlagen“ hätten. Zum Mitschreiben: Schuld haben nur und ausschließlich die Dynamo-Fans. Der Veranstalter und die Sicherheitsleute hatten keine Chance.

Das reicht jedoch scheinbar noch immer nicht aus, um einen Lynchmob zu mobilisieren. Also weitere Anweisungen, um den Sachverhalt auf die einzig richtige Weise zu begreifen: der Angriff galt nicht bloß Unbeteiligten, Müttern und Kindern, nein, auch uns, den „Guten“. Wieso das? Wird der geneigte Leser sich fragen. Ganz einfach, die Fans von Dynamo Dresden sagen, sie seien das Produkt der Wende. Damit geben sie indirekt uns die Schuld, uns, den „Guten“, die sie vom schrecklichen DDR-Regime befreit haben.

Zum Abschluss noch ein Lösungsvorschlag vom Autor. Nur einen Absatz, nachdem die Wende ins Spiel gebracht wurde, fordert er, den „Mehr-als-Halbstarken“ (was auch immer das sein soll, 1/4-Starke?) aufzuzeigen, wo die Grenze ist, sie sollten doch in Dresden bleiben. Entweder ist dies eine äußerst geschmacklose Wortspielerei, oder eine zufällige Formulierung, die jedoch nichts an ihrer Unnötigkeit einbüßt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sueddeutsche.de mit diesem Artikel einen journalistischen Tiefpunkt erreicht hat. Es wird versucht, mit primitivsten Mitteln versucht, einen sowieso schon gefährlichen Umstand (zunehmende Gewalt im Stadion) einerseits auf eine Fangruppe verallgemeinernd festzunageln, andererseits aber auch das Problem emotional über Gebühr aufzuladen. Zudem sei noch bemerkt, dass die Werkzeuge des Boulevards hier sehr durchschaubar und stümperhaft angewendet wurden. Eine, sowohl von journalistischen Standards als auch von handwerklichen Aspekten her, unterirdische Leistung.

bd

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