Filmtip: Klass

Estland kommt einem bestimmt nicht in den Sinn, wenn man nach einem Land gefragt wird, welches für seine guten Filme bekannt ist. Der hier besprochene Film zeigt aber, dass auch der kleine baltische Staat cineastisch einiges zu bieten hat. „Klass“ heißt das gemeinte Drama des Regisseurs Ilmar Raag aus dem Jahr 2007. Doch wer hier einen großen Blockbuster in Hollywood-Manier erwartet, dürfte enttäuscht werden. Vielmehr handelt es sich um die realistische Darstellung einer sozial brisanten Situation, wie sie heute in wohl fast jeder Gesellschaft an der Tagesordnung ist. Lediglich ein Ende wie das dargestellte tritt in der Realität glücklicherweise eher selten ein, was einen nach diesem Film jedoch wundern dürfte. „Klass“ ist ein Film über menschliche Abgründe, über Grenzen im sozialen Miteinander, welche nur allzu gerne und oft überschritten werden und nicht zuletzt auch über den omnipräsenten Mangel an Zivilcourage.

Eine Schule in Estland, aber sie könnte sich genauso gut in jedem anderen Staat – zumindest der westlichen Welt – befinden. Bereits in der ersten Szene wird deutlich: Ein Junge gehört nicht dazu; er wird ausgeschlossen und drangsaliert. Wer nicht mitmacht schaut weg, die Lehrer sind nicht in der Lage einzugreifen oder begreifen die Situation nicht. Auch sein familiärer Hintergrund stellt für den Jungen eher eine zusätzliche Belastung als eine Hilfe dar. Als einer der Mitschüler durch einen Zufall in die Position seines Unterstützers gerät, eskaliert die Situation. Beide werden nun verstärkt Opfer der gesamten Klasse. Die Übergriffe werden immer brutaler und demütigender bis die beiden Jungen am Ende nur noch einen Ausweg sehen.

„Klass“ überzeugt durch eine realistische und in Teilen fast nüchtern wirkende Darstellung schrecklicher, aber leider alltäglicher Ereignisse; Special-Effects oder überzogen emotionale Musik hat er nicht nötig. Dieser Film eignet sich nicht dazu, um für ein paar Stunden der Realität zu entfliehen. Im Gegenteil: Er konfrontiert den Zuschauer auf fast schmerzhafte Weise mit derselben.

Jedem dürfte klar sein, dass die Handlung (vielleicht abgesehen vom Ende des Films) kein Einzelfall ist, sondern heutzutage die traurige Regel an vielen Orten darstellt. Mobbing wird zu einem immer größeren Thema, auch an deutschen Schulen und auf deutschen Straßen. Es wäre nun leicht, bspw. auf einzelne Jugendliche zu zeigen und ihnen allein die Schuld zu geben. Genauso leicht machen es sich die Medien nach jeder Eskalation solcher Verhältnisse: Actionfilme, Videospiele und gewaltverherrlichende Musik werden ausschließlich als Grund für die brutalen Ausschreitungen einzelner Menschen angeführt. Dies verkennt jedoch die Tatsachen: Die meisten Täter waren zunächst Opfer. Doch die Gesellschaft hat es sich zur Gewohnheit gemacht, erst hinzuschauen, wenn es zur Eskalation kommt und es bereits zu spät ist; dann fällt eine einseitige und falsche Argumentation deutlich leichter.

„Klass“ erschreckt nicht nur, sondern stimmt nachdenklich und das ist auch gut so. Immer wieder, in zahlreichen Szenen wird deutlich: Hätte dieser Lehrer oder jener Schüler eingegriffen und nicht weggeschaut, die Tortur der beiden Jugendlichen hätte noch früh genug ein Ende finden können. Nicht nur das Mobbing schockiert, sondern vor allem die mangelnde Zivilcourage, das aktive Wegsehen ausnahmslos aller Nebendarsteller. Hierin liegt das größte Problem und hierin liegt der wichtigste Appell des Films.

In Schule und Sozialer Arbeit muss ausufernde Gewalt und Ausgrenzung, auch die passive, wieder zum Thema gemacht werden. Darin darf sich die Reaktion auf dieses Problem aber in keinem Fall erschöpfen. Jeder Mensch einer Gesellschaft muss seine Augen wieder für die alltägliche Ungerechtigkeit und Gewalt öffnen und aktiv dagegen eintreten. Denn es hilft nicht, sich immer erst zu erheben, wenn alles längst zu spät ist. „Klass“ bietet sich dazu an, einen neuen Blick auf das Thema zu erhalten und seine eigene sowie die allgemeine gesellschaftliche Haltung kritisch zu hinterfragen und zu reflektieren.

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Ergänzender Hinweis: Erst kürzlich zeigte die ARD einen sehr sehenswerten Fernsehfilm mit dem Titel „Homevideo“. Hier wurde sehr eindrücklich und realistisch gezeigt, welche erschreckenden Formen Mobbing in Zeiten des Internets annehmen kann.

 

 

 

 

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